
Kaum ein
Gleichnis von Jesus ist so bekannt wie das Gleichnis des barmherzigen Samariters, jeder kennt es, jeder ist mehr oder weniger beeindruckt. In der Schweiz zierte der Samariter sogar eine Banknote, welch zynischer Hinweis, ausgerechnet auf einer Banknote, die man geizvoll an sich drückt - verziert mit dem Samariter der mit seinem Schwert sein eigenes Kleid zerschneidet um des Hilfsbedürftigen willen.
Doch so bekannt dieses Gleichnis und der Name des Samariters auch nach 2000 Jahren noch sind, so wenig zeigen wir die Bereitschaft, auch nur im Geringsten danach zu leben.
Wie schlecht sich die von Jesus gewünschte Barmherzigkeit des Samariters in unsere moderne Welt einbringen lässt, möchte ich mit einem für mich symbolträchtigen Erlebnis meiner Tochter darlegen.
Zum besseren Verständnis bleibt zu erwähnen, dass ich meiner Tochter nie eingeredet habe, dass sich der Wert eines Lebewesens nach seiner Körpergrösse, seinem Intelligenzquotienten oder dem Handelswert bemisst Viel mehr lernte ich sie, dass alle Lebewesen Geschöpfe Gottes sind, Teil der Schöpfung und somit gottgewollt.
Eines Tages - im Alter von 7 Jahren - entdeckte sie auf dem Schulweg einen 'zerzausten Vogel', der nicht mehr fliegen konnte und nach ihrem Empfinden Hilfe brauchte. Instinktiv stellte sie das Schutzbedürfnis des Vogels über die Pflicht, rechtzeitig zur Schule zu kommen, sie nahm den Vogel auf und brachte ihn einer Frau in der Nachbarschaft, die sich mit Vögeln auskennt. Man muss die Tierliebe meiner Tochter erlebt haben, um sich auch nur annähernd vorzustellen, wie glücklich und stolz sie über ihre 'Tierrettung' war.
Doch zu ihrer Überraschung hatte die Lehrerin nicht das Geringste Verständnis für ihr Zuspätkommen und quittierte diese Episode mit einem Wölkchen im 'Strafbuch' der Klasse. Solche Wölkchen gelten als Strafpunkte die bei Erreichung einer bestimmten Menge mit doch relativ demütigenden Strafarbeiten abgegolten werden.
Meine Tochter nahm dieses Wölkchen verblüffenderweise relativ desinteressiert zur Kenntnis - ganz im Gegensatz zu sonstigen Gelegenheiten. Scheinbar zählte für sie nur der Vogel, sie wusste tief in ihrem kleinen Herzchen, dass sie etwas Gutes getan hat und das schien ihr wichtiger als die Strafe.
Zurück blieb ein Stückweit Verwirrung, warum sie bestraft wird dafür, jemandem geholfen zu haben.
Mehr als sie schien es mich zu beschäftigen, dieses Erlebnis hatte für mich enormen Symbolgehalt und ich glaube darin eine Reihe von Botschaften zu sehen, die einem Kind in so einer Situation übermittelt werden. So werden Werte eingepflanzt, umgebogen oder zertrümmert.
Konkret bedeutete das folgenden Lernprozess:
Pflichterfüllung und politically correctness sind höher zu gewichten als Barmherzigkeit
Disziplin ist wichtiger als Nächstenliebe
Tu nie etwas Gutes ohne zu kalkulieren, ob es jemanden stört oder Dir Nachteile bringt
Drei Botschaften, drei Lehren, drei Schritte weiter weg von der Lehre des Nazareners, hin zu einem berechnenden, egoistischen und mitleidlosem Menschen, hin zu einem wertedegenerierten Leben in dem Liebe nur sein darf, wenn sie Profit bringt.
Betrachten wir nun einmal das Gleichnis des Samariters.
Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben. Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter. Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso! (Lukas 10,25-37) |
Wichtig zu wissen ist nun, dass das Volk der Samariter alles andere als Freunde des jüdischen Volkes waren, es wäre nicht verfehlt zu sagen, dass ein Samariter einem verletzten Juden kaum geholfen hätte, genauso hätten wohl auch viele Juden einem Samariter in solch einer Situation nicht geholfen.
Und damit erhält das Gleichnis seine Brisanz und wird zu einer klaren Forderung.
Der Nächste ist also nicht einer der Deinen, es ist nicht derjenige den Du magst, es ist derjenige, der Deine Hilfe bedarf. Jenseits von ethnischen Grenzen, jenseits aller Religion, jenseits Deiner ganz persönlichen Wertevorstellung, liebe den der Deine Liebe benötigt, das ist Barmherzigkeit und das ist es, was Jesus von uns fordert.
Aber warum haben die ersten Zwei nicht geholfen, der eine war doch ein Priester, der zweite ein Levit. Beide wissen um Gott und die Gesetze, was hat sie davon abgehalten, diesen Nächsten zu lieben und ihm zu helfen?
Vielleicht war der Priester unterwegs zu einer Messe und konnte seine Gläubigen nicht warten lassen, vielleicht hatte der Levit auch Angst sich die Kleider zu verschmutzen, schlussendlich spielt das für uns keine Rolle, es reicht zu wissen, dass diese Zwei etwas für wichtiger hielten als diesem Verletzten zu helfen.
Jesus fordert hier eine klare Wende, es gibt Wichtigeres als das Gesetz, Wichtigeres als die Korrektheit, Wichtigeres als gesellschaftliche Konventionen und Normen. Wenn ein Gesetz oder eine Norm von Dir etwas verlangt, das Deine Nächstenliebe beeinträchtigt, dann hast Du nicht nur das Recht sondern die Pflicht, Dich über diese Norm hinwegzusetzen.
An anderer Stelle sagt Jesus nicht weniger deutlich: Wer von euch wird, wenn ihm am Sabbat sein Schaf in eine Grube fällt, es nicht sofort wieder herausziehen? (Matthäus 12,11) |
Jesus war in vielerlei Hinsicht ein Revoluzionär, er hat Gesetze übertreten wenn sie ihn in seiner Barmherzigkeit hinderten und gerade auch im letzten Satz des Samariter Gleichnisses fordert er von uns allen: 'Handle genauso!'.
So nimm - lieber Leser - diese Forderung in Dein Herz auf und wenn das nächste Mal jemand Deine Hilfe erbittet, dann überleg nicht erst ob Du Zeit hast, ob es jemanden stören würde, ob Du Dir damit eine Blösse gibst oder Dich etwas kostet. Tue es einfach, dann lebst Du den zentralsten christlichen Wert.
Was meine Tochter anbelangt, kam ich denn auch nicht umhin, ihr für ihre Tat 3 Sternchen zuzusprechen und ich nutzte diese Gelegenheit um ihr zu verdeutlichen, dass man sich manchmal auch über gewisse Grenzen hinwegsetzen muss, dass man manchmal politically incorrect sein soll wenn die Liebe im Konflikt steht mit irgendwelchen Ordnungsgeboten.
Übrigens, auch mein Wertesystem wurde in seltsamer Weise irritiert, denn zum ersten Mal war ich stolz auf meine Tochter infolge eines Wölkchens.